Gemeinsam raus aus dem Alltag- und rein ins Urlaubsvergnügen

„Urlaub zu haben“ ist ein fester Teil unseres Lebens und eine Zeit, die wir nicht vermissen wollen. Auftanken, zu sich selbst finden, Neues entdecken, z.B. andere Menschen, Länder, Kulturen, eine andere Umgebung – kurzum: raus aus dem Alltag. Eine Zeit, die uns neue Kraft und Lebensfreude finden lässt, manchmal auch neue Perspektiven vermittelt. Natürlich sind diese die psychische und körperliche Gesundheit fördernden Wochen im Jahr auch für Menschen mit Behinderung unverzichtbar.

Foto: Salzburg ist immer eine Reise wert. Ein Besuch der Festung mit Altstadt, oder ein Spaziergang entlang der Salzach. Die OBA der Lebenshilfe München ist hier gern zu Gast.

Dabei hilft die OBA (Offene Behindertenarbeit) der Lebenshilfe München bei der Durchführung und Begleitung, denn häufig sind ‚kleine Alltagshilfen‘ nötig, um die Urlaubstage zu einem besonderen Erlebnis werden zu lassen. Die Redaktion hat sich mit Frau Lehner unterhalten, welche Erfahrungen das Team dabei macht. Seit elf Jahren betreut sie gemeinsam mit anderen Ehrenamtlichen und Hauptamtlichen diese organisierten Urlaubsreisen.

Frage: Wie kamen Sie dazu, Menschen mit Behinderung in ihrem Urlaub zu unterstützten und wie ist Ihr Bezug zur Lebenshilfe München?

An der Uni war ich auf einen Aushang der Lebenshilfe aufmerksam geworden: Es wurden noch Begleiter:innen für Urlaubsreisen gesucht. Ich hatte ein ‚Freiwilliges Soziales Jahr‘ an einer heilpädagogischen Waldorfschule gemacht und dort bereits Erfahrungen mit Menschen mit geistiger Behinderung gesammelt. So kam es, dass ich im August 2011 meine erste Reise mit der OBA nach Ungarn an den Plattensee unternahm.

Frage: Wie groß sind die Gruppen in der Regel, wie stark ist der Förderbedarf?

Auf den Reisen waren wir vor der Pandemie in der Regel 15 Menschen: zehn Teilnehmende und fünf Betreuende. Seit der Pandemie, bzw. seit wir wieder gemeinsame Unternehmungen machen können, sind die Gruppen etwas kleiner. Letztes Jahr waren wir zu neunt im Urlaub: sechs Teilnehmende und drei Betreuende. Was den Förderbedarf betrifft, sind die Gruppen oft recht heterogen: Von weitgehend selbstständig bis zu Unterstützungsbedarf bei der Körperhygiene, der Taschengeldverwaltung, beim Essen usw.

Frage: Ist es ein Job ‚rund um die Uhr‘?
Wie ist die Verantwortung in der Gruppe geregelt?

Es kann passieren, dass man auch spät abends, nachts oder früh morgens gefordert wird, aber das ist die Ausnahme. In der Regel kommt jeder zu seiner Nachtruhe und auch tagsüber zu Auszeiten, in denen man sich zurückziehen kann. Das hängt von der Tagesgestaltung und den Absprachen unter den Begleiter:innen ab. Die Hauptverantwortung liegt bei der Reiseleitung. Aufsichtspflicht habe ich natürlich trotzdem. Wir streben einen möglichst gleichberechtigten Umgang zwischen Menschen mit und ohne Behinderung an, allerdings kann dieser nur so weit gehen, wie es mit der Schutzbedürftigkeit der Teilnehmenden vereinbar ist.

Frage: Ist Ihnen der Druck nicht zu hoch?

Das bringt Verantwortung mit sich, die ich aber weniger als Druck empfinde. Im Extremfall wird man nur bei Fahrlässigkeit oder Vorsatz haftbar gemacht. Vor Reisebeginn informieren wir uns über die besonderen Bedürfnisse der Teilnehmenden und sprechen mit den Eltern oder Betreuenden. Und, je länger man dabei ist, desto mehr Leute kennt man, bzw. desto besser lernt man jeden Einzelnen kennen. Das erleichtert und bringt Sicherheit.

Frage: Kommt bei Ihnen selbst so etwas wie ein Urlaubsfeeling auf?

Allein das Beladen des Busses, die Fahrt an den Urlaubsort und das Beziehen des Feriendomizils, lässt Urlaubsgefühle aufkommen. Wenn wir dann gemeinsam durch ein Städtchen bummeln, in einem See baden und ‚Eisessen‘ gehen, fühlt es sich definitiv nach Urlaub an. Nur komme ich etwas weniger erholt zurück als nach einer privaten Reise, vor allem, wenn ich viele pflegerische Aufgaben übernehmen durfte.

Frage: Hat sich das Verhalten der Menschen/der Gesellschaft verändert, wenn plötzlich eine ganze Gruppe von Menschen mit Behinderung, darunter auch einige im Rollstuhl, in der Öffentlichkeit steht?

In der Zeit, in der ich die Reaktionen aktiv beobachte, könnte ich das nicht sagen. Auch vor zehn Jahren wurden wir in Restaurants, Cafés und Kultureinrichtungen selbstverständlich willkommen geheißen und auch von anderen Gästen nicht unnötig skeptisch beäugt. Ich habe aber immer wieder von verschiedenen Seiten gehört, dass das durchaus nicht immer so war und es bisweilen zu unangenehmen Situationen gekommen ist. Meiner Erfahrung nach werden wir an unterschiedlichen Orten unterschiedlich freundlich aufgenommen. Berührungsängste nehme ich tendenziell bei Älteren wahr. Manchmal setzen sich andere Gäste weiter weg und beginnen zu tuscheln, insgesamt überwiegen aber die positiven Erfahrungen.

Frage: Gibt es ein besonderes Erlebnis, eine Anekdote,
an die Sie sich dabei gerne erinnern?

Letzten Sommer saßen wir auf der Terrasse der Festung Hohensalzburg zum Abendessen und hatten eine sehr interessierte und freundliche Bedienung. Sie kam mit uns ins Gespräch, erkundigte sich woher wir seien, zeigte sich begeistert vom Konzept unserer Urlaubsreisen und spendierte der ganzen Gruppe zum Schluss einen kleinen Nachtisch.

Frage: Hat sich etwas getan in Sachen ‚behindertengerecht‘, wenn man als Urlauber so in einer fremden Stadt/ Umgebung unterwegs ist. Was sollte besser werden?

In Sachen Barrierefreiheit hat sich sehr viel getan, genauso gibt es aber noch jede Menge zu tun: Rampen, Aufzüge, Rolltreppen, breite automatische Türen und behindertengerechte Toiletten sind an vielen Orten zum Standard geworden, aber z.B. nicht an allen Bahnhöfen vorhanden. Immer noch behindern Spalten und (hohe) Stufen den Ein- und Ausstieg bei öffentlichen Verkehrsmitteln. Was die Verfügbarkeit von Toiletten im öffentlichen Raum angeht, sehe ich allgemein viel Aufholbedarf. Kopfsteinpflaster stellt manchmal eine Herausforderung dar.

Auf der anderen Seite ist mir aufgefallen, dass man in Städten immer häufiger kleine Modelle von bedeutenden Gebäuden zum Anfassen und mit Informationen in Braille findet. Braille ist für unsere Teilnehmenden nicht relevant, aber für Besucher:innen mit visuellen Einschränkungen durchaus vorteilhaft. Langsam findet ‚Leichte Sprache‘ Einzug in das öffentliche Leben. Audiosignale und Rillen im Boden bringen Erleichterungen. Anpassungen von Gesetzen ermöglichen Menschen mit Behinderung mehr Teilnahmemöglichkeiten und Selbstbestimmung. Es bewegt sich einiges und es darf sich noch viel mehr bewegen.

Frage: Urlaub ist für uns alle eine besonders positive Lebenszeit.
Reagieren Menschen mit Behinderung anders auf diese neuen Eindrücke, die neue Umgebung und Menschen?

Ich beobachte, dass unsere Teilnehmer:innen dem Urlaubsort und den Menschen dort unvoreingenommener und neugieriger gegenübertreten als man das vielleicht vom Stereotyp Urlauber:in sagen würde. Ich habe den Eindruck, es wird weniger kritisch bewertet und die Gegebenheiten einfach angenommen. Grundsätzlich unterscheide ich in Bezug darauf weniger zwischen Menschen mit und ohne Behinderung, sondern eher zwischen solchen und solchen Urlauber:innen. In der Regel herrscht schon bei der Abreise große Vorfreude: Wer ist denn alles dabei? Mit wem schlafe ich in einem Zimmer? Wie wird es wohl an unserem Urlaubsort? Was machen wir alles? Gehen wir ‚Eisessen‘ und Schifffahren und können wir Postkarten und Andenken kaufen? Vieles ist aufregend und spannend, es werden Wünsche geäußert und während der Reise, wenn wir zusammensitzen und planen, mitgestaltet. Für Ausgelassenheit und Zufriedenheit braucht es keine außergewöhnlichen spektakulären Unternehmungen. Oft erzählen unsere Teilnehmenden von lange zurückliegenden Erlebnissen, an die sie nach wie vor gerne denken.

Frage: Wenn Sie von anderen Menschen gefragt werden, warum Sie sich in dieser Sache so engagieren – ein Urlaub mit der Partnerin/dem Partner/ Freund/ Freundin sei doch viel erstrebenswerter – was antworten Sie?

Beide Arten zu reisen haben für mich etwas für sich. Es sind schlicht verschiedene Möglichkeiten den Urlaub zu verbringen mit unterschiedliche Menschen, Unternehmungen und Eindrücke.

In einer materialistischen, konsumorientierten, optimierungslustigen, rasanten und unterhaltungsgeilen Gesellschaft bringen mich Unternehmungen mit den Menschen der OBA wieder auf den Boden. Die Unterhaltungen sind offen und erfrischend, die Menschen authentisch und wir lachen viel. Das ein oder andere ‚Malheurchen‘ wie Eis auf den Bussitzen, eine Brille auf dem Grund eines Sees, eine Zahnbürste im Siphon oder eine Wasserschlacht, aus der jemand klitschnass hervorgeht, werden zu netten Erinnerungen.

Vielen Dank für das Interview/ Gerd Spranger

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lebenshilfeblog.de/2022/01/28/ab-in-den-urlaub-mit-der-oba/

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