Menschen mit Behinderung in der Lebensgemeinschaft

Vorab-Veröffentlichung aus dem neuen L.I.E.S.-Heft der Lebenshilfe München.
Erscheint am 20. November 2013

Robert Antretter: „Menschen mit Behinderung waren für mich von Kindheit an Lebensgemeinschaft und Alltag“

Mein Vater war Weltkrieg I -Teilnehmer. Im Bajonett-Nahkampf wurden seine beide Hände auf Dauer bewegungs-beeinträchtigt, und ich habe es gemerkt, wenn er mit mir etwas bastelte und nicht mehr weiterkam, weil es handwerklich diffiziler wurde.

Da sprang ein anderer Mensch mit einer Behinderung ein, der im gleichen Mietshaus wie wir wohnte. Er war taubstumm, der Joseph, wie ihn Kinder und Alte in Reduzierung auf seinen Vornamen nannten. Er war handwerklich geschickt und miteinander haben sie, er und mein Vater, die schönsten Spielsachen für mich geschnitzt, geschraubt und gebastelt, vom Dreirad bis zur Tischkegelbahn.

Ihre unterschiedlichen Defizite habe ich kaum registriert, aber ihre verschiedenen Fähigkeiten, mittels derer sie gemeinsam etwas zuwege brachten, habe ich nicht vergessen.

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Gewiss beeinflusste auch eine andere, kriegsbedingte, Besonderheit in der kleinen Stadt im Allgäu, in der ich groß wurde, mein Bild von Menschen mit Behinderung: In der Burg auf dem Berg war ein Kieferlazarett untergebracht für die zahlreichen Soldaten mit Gesichts- und Kopfverletzungen, die in den letzten Kriegsmonaten noch zunahmen.

Ab 1944 prägten sie erkennbar das Bild unseres damals etwa 8.000 Einwohner zählenden Städtchens. Auch hier waren es nicht nur die zum Teil allerdings sehr schweren Verletzungen, die mir in Erinnerung blieben, sondern besonders die Tatsache, dass die Verwundeten mitten unter unseren Mitbürgerinnen und Mitbürgern lebten. Der eine war ein begeisternder Linksaußen in unserer Fußballmannschaft, ein anderer, der im Krieg ein Auge verloren hatte, wurde Gründungsmitglied unserer Segelflieger. Am Ort ihrer Genesung fanden manche ihre Frau fürs Leben, und die kleine Allgäuer Kreisstadt wurde ihre Heimat.

In der Politik: „Dem Schutz des Lebens verpflichtet“

Mit 22 Jahren ging ich in die Politik. Meine politischen Schwerpunkte waren andere. Aber die Frage, wie war das mit Dachau, wie viel behinderte Menschen wurden in naheliegenden Behinderten-Einrichtungen ermordet oder zur Tötung in den grauen Bussen abtransportiert, beschäftigte mich immer mehr. Und ich hatte – entgegen dem beginnenden Zeitgeist – mich immer mehr dem Schutz des Lebens verpflichtet gefühlt. Meine Befürchtung, was einmal war, könne immer wieder sein, hat mich sensibilisiert für das ungeborene Leben, das Leben, wenn es alt, krank und ganz besonders, wenn es behindert ist.

Als ich mit 41 Jahren in den Bundestag gewählt wurde und später auch dem Europarat angehörte, waren es zunächst verkehrspolitische, später außen- und verteidigungspolitische Fragen, mit denen ich betraut war.

Ein, wie sich später herausstellen sollte, wichtiges Ereignis „in Richtung Lebenshilfe“ war mein Engagement gegen eine Bioethik-Konvention des Europarates. Der Konventionsentwurf wurde uns Parlamentariern in Straßburg im Herbst 1993 vorgelegt. Neben anderen kritikwürdigen Festlegungen wandte ich mich vor allem dagegen, dass die Konvention wissenschaftliche Forschung im Bereich von Biologie und Medizin an einwilligungsunfähigen Personen zulassen wollte, und zwar auch dann, wenn dies ohne persönlichen Nutzen für sie selbst ist. Ich sah darin eine besondere Gefährdung vor allem geistig behinderter Menschen, auch wenn in dem Konventionsentwurf von „nur minimalem Risiko bzw. minimaler Belastung“ die Rede war. Für mich war damit die Grenze überschritten, hinter der nichteinwilligungsfähige Menschen zum Objekt von Forschungsinteressen gemacht werden.

 Eine Konvention gestoppt

Rasch fand ich Verbündete in allen Fraktionen des Europarats und auch im Deutschen Bundestag, der internationale Konventionen ratifizieren muss, wenn sie Rechtsgültigkeit in Deutschland erlangen sollen. Auch im Zentralkomitee der Deutschen Katholiken konnte ich erfolgreich auf eine Unterstützung meines Zieles hinwirken, die Ratifizierung dieser Konvention verhindern zu helfen.

Zusammen mit engagierten Bürgergruppen brachten wir an die zwei Millionen Unterschriften auf, die der damaligen Bundestagspräsidentin Rita Süßmuth übergeben wurden und ihre Wirkung nicht verfehlten. Nicht nur der Fairness halber sei angemerkt, dass Rita Süßmuth sich von Anfang an zu unserer Position bekannte.

Auch Hans-Jochen Vogel, Helmut Kohl, Wolfgang Thierse, Herta Däubler-Gmelin und Klaus Kinkel waren neben zahlreichen anderen einflussreichen Mandatsträgern überzeugt von der Richtigkeit unserer Haltung. Der in die andere Richtung zielende Einfluss interessierter Lobby- und Forschungsgruppen blieb hingegen belanglos. Der Deutsche Bundestag hat die Konvention bis heute nicht ratifiziert.

Vor diesem Hintergrund fragten der damalige Bundesvorsitzende der Lebenshilfe, Günter Jaspert, und unser seinerzeitiger Bundesgeschäftsführer, Dr. Bernhard Conrads, an, ob ich bereit wäre, mich in den Bundesvorstand der Lebenshilfe kooptieren zu lassen. Beide haben die Lebenshilfe in schwieriger Zeit erfolgreich geführt. Leider ist Günter Jaspert vor wenigen Tagen verstorben. Ich sagte zu, weil ich ein weites Arbeitsfeld vor der Lebenshilfe sah, Gefährdungen von behinderten Menschen abzuwenden. Und ich hielt neben den Kirchen keine Organisation als die Lebenshilfe für prädestinierter, diese große Herausforderung anzunehmen.

Bald schon wurde ich in Zusammenarbeit mit den damaligen stellvertretenden Bundesvorsitzenden Ingrid Körner und Maren Müller-Erichsen und unserer heutigen Bundesgeschäftsführerin Prof. Jeanne Nicklas-Faust innerverbandlich mit der Verantwortung des Feldes Bioethik betraut. Es war eine ganz hervorragende Kooperation mit diesen drei so verdienstvollen Frauen, und die schwierigen Themen gingen uns nicht aus: „Spätabtreibung und Pränataldiagnostik“, „therapeutisches Klonen“, „Präimplantationsdiagnostik“, „Verwertung embryonaler Stammzellen“.

Nachdem ich ein Jahr dem Bundesvorstand als kooptiertes Mitglied angehört hatte, sprach mich der damalige Bundeskammervorsitzende Herbert Burger, Vater eines jungen Mannes mit hohem Hilfebedarf, an und fragte mich, ob ich mir vorstellen könne, bei der Wahl 2000 für den Bundesvorsitz zu kandidieren. Ich hatte in meinem jahrzehntelangen Politikerleben manche Auszeichnung und Wertschätzung erfahren. Aber die Frage, die – und an dieser Stelle seien ausnahmsweise die Parteien erwähnt – der „betroffene“ Vater und Christdemokrat an mich, den Sozialdemokraten, gerichtet hat, ehrte mich und hat mich menschlich berührt.

Ich habe sie meinerseits als verpflichtend verstanden, mein Amt stets überparteilich zu führen.

Anmerkung der Redaktion:

Nach 12 Jahren gibt Robert Antretter im September 2012 den Bundesvorsitz ab.
Sein Statement lesen Sie unter:

http://www.tagblatt.de/Home/nachrichten

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