Schulbegleitung für Regelschulen wird immer mehr gewünscht

Seit 2011 ist im Bayerischen Schulgesetz das Recht für alle schulpflichtigen Kinder und Jugendlichen mit Behinderung verankert, einen gleichberechtigten Zugang zum Unterricht an Grundschulen und weiterführenden Schulen zu haben. Die Nachfrage zur Beschulung von Kindern und Jugendlichen mit Behinderung in Regelschulen steigt stark an, weiß Gudrun Keinert, die selbst drei Jahre lang als Schulbegleiterin für die Lebenshilfe München tätig war. Seit fünf Jahren koordiniert sie jetzt diesen Bereich. Aus den anfänglichen 18 Schulbegleiter*innen wurden schnell 60 Mitarbeiter*innen, die momentan insgesamt 53 Kinder und Jugendliche mit Behinderung während dem Schulbesuch begleiten und unterstützen.

Gudrun Keinert

Manche der Kinder und Jugendlichen haben auch zwei oder gar drei Schulbegleiter*innen, da einige der Mitarbeiter*innen nur tageweise arbeiten. Sie studieren nebenbei, leisten die Schulbegleitung nur als Nebenjob auf 450€-Basis oder arbeiten nach der eigenen Elternzeit erstmal nur in Teilzeit.

„Manchmal begleitet aber auch ein*e Schulbegleiter*in ein Tandem – also zwei Kinder parallel. Gerade in Förderzentren würde es sonst oftmals vorkommen, dass in einer Klasse mehr Erwachsene als Kinder sind.“ informiert Keinert, selbst Mutter zweier Kinder. Wir haben uns mit ihr unterhalten, wie sich die Situation in München darstellt und wir merken schnell, wie komplex dieses Thema der Schul- und Individualbegleitung eigentlich ist.

Die Umsetzung scheitert häufig

„Auch wenn generell ein gesetzlicher Anspruch auf den Besuch einer Regelschule besteht, so scheitert es oftmals an den zufriedenstellenden Möglichkeiten der Umsetzung. Beginnend bei der klassischen Barrierefreiheit, über die in München noch längst nicht alle Schulen verfügen, über die fehlenden Räumlichkeiten, um sich auch mal für den differenzierten Unterricht zurückzuziehen bis hin zur oftmals fehlenden Fachlichkeit im Bereich der Inklusion bei Lehr- und Fachkräften. Natürlich nicht bei allen Schulen und auch nicht bei allen Lehrern…aber leider noch viel zu oft“, stellt sie fest.

Klare Tendenz hin zur Regelschule

Der Drang zum Besuch einer Regelschule ist hoch. Er sollte in einer inklusiven Gesellschaft normal sein und Kinder in ihrer Bildung nicht benachteiligt werden. „In Schweden etwa funktioniert das deutlich besser. Die meisten Kinder und Jugendlichen besuchen das ganz normale Regelschulsystem. Dort ist es selbstverständlich, dass jede*r Schüler*in die Hilfe bekommt, die er/sie benötigt“, betont sie. In Bayern werden Grenzen dagegen nicht nur räumlich gesetzt, sondern seien systemisch begründet. „Inklusion an Regelschulen kann nur gelingen, wenn genügend Personal zur Verfügung steht (multiprofessionelle Teams als Standard!), es alle gemeinsam wollen … von der offenen Schulleitung über die fachlich geschulte Lehrkraft, den aufgeschlossenen Eltern und Mitschülern und eben oftmals mit der Unterstützung einer Schulbegleitung. Große Klassen, wechselnde Lehrkräfte, häufige Urlaubs- bzw. Krankheitsvertretungen, wechselnde Klassenzimmer – alles das sind Hindernisse für Kinder, die ein ruhiges und gewohntes Lernumfeld brauchen. Und das ist kein Sonderwunsch, sondern lediglich die Grundlage für die Umsetzung des rechtlichen Anspruchs auf Chancengleichheit.“

Ist das Schulsystem überfordert?

Vor allem bei Hospitationen an Schulen oder in Gesprächen mit Lehr- und Fachkräften wird der Pädagogin die angespannte Lage bewusst: „Übertrieben gesprochen sieht die Situation in einer ‚ganz normalen Grundschulklasse‘ im städtischen Raum etwa so aus: Es gibt immer einige ruhige, schüchterne und introvertierte Kinder, die von der Lehrkraft besonderer Aufmerksamkeit brauchen. Dann sind da ein paar wilde Rabauken, die für ordentlich Action sorgen und die besondere Aufmerksamkeit der Lehrkraft brauchen. Dann natürlich noch Kinder, die emotional und sozial belastet sind und ebenfalls nach Aufmerksamkeit verlangen. Dazu kommt der ein oder andere nicht-diagnostizierten ADHSler oder Asperger-Autist, der die besondere Aufmerksamkeit der Lehrkraft braucht.

Die Grenzen des Möglichen sind längst erreicht

Je nach Stadtteil sind da noch einige Kinder mit Migrationshintergrund und starken Defiziten in der deutschen Sprache. Und jetzt nehmen die Schulen glücklicherweise nach Möglichkeit noch traumatisierte Flüchtlingskinder auf, die ebenfalls eine besondere Betreuung durch die Lehrkraft brauchen. Das Ganze in Klassen mit 25 bis 30 Schülern und Schülerinnen und der einen Lehrkraft, die dann neben all dem ´gebraucht werden´, neben all der Elternarbeit und all den kleinen und großen Alltagsaufgaben ihrem Bildungsauftrag nachkommen muss und dann am besten noch das Kind mit Behinderung inklusiv beschulen soll. Eine Aufgabe, die in sich bereits Grenzen des Möglichen aufzeigt.“

„Das System der Schulbegleitung kann funktionieren“, ist sich Gudrun Keinert sicher. Für die Kinder und Jugendlichen, die eine Schulbegleitung zur Seite haben, ist es für das Gelingen elementar, dass sich die Zuständigkeiten von Lehrkraft und Schulbegleiter*in gut und effektiv ergänzen.

„Viele der begleiteten Kinder brauchen Unterstützung im Großen und im Kleinen. Die einen flippen schnell aus und zeigen sich und anderen gegenüber Aggressionen. Die andere üben mit der Schulbegleitung erst mal wichtige Strukturen am Arbeitsplatz ein…etwa, dass das Federmäppchen mit den Stiften richtig liegt, ebenso die Hefte und Bücher, damit sich das Kind auf den Unterricht konzentrieren kann. Manche Kinder verweigern das Schreiben, manche Kinder haben große Angst sich von zu Hause zu lösen. Die einen brauchen Unterstützung beim Bedienen der Insulinpumpe, die anderen müssen regelmäßig aus dem Klassenzimmer begleitet werden, um Auszeiten nehmen zu können. In vielen Fällen hilft die Schulbegleitung auch dabei, zwischen dem zu begleiteten Kind und den Mitschüler*innen soziale Kontakte zu knüpfen, gegenseitiges Verständnis aufzubauen und manchmal auch zu vermitteln.“

Kinder mit Sonderstellung in der Klasse

Mit dem Bündel an Assistenzleistungen nimmt das Kind darüber hinaus in der Klasse eine Sonderstellung ein. Das muss den Mitschülern vermittelt werden und auch manche Lehrkraft muss sich erst mal mit der Rolle des Schulbegleiters auseinandersetzen und manchmal auch arrangieren. „Generell entwickeln sich diese Leistungen vor allem in den Grundschulen gut“, bestätigt Keinert, „die meisten Kinder können damit gut umgehen.“ Die Probleme mehren sich ab der fünften Klasse auf Regelschulen. Dann sei häufig Mobbing und Ausgrenzung aus der Klassengemeinschaft zu beobachten. Die Schere zwischen Kindern mit und ohne Behinderung wird in diesem Alter immer deutlicher.

Es spricht einiges für die Förderschulen

„Trotz all der Unterstützung durch eine*n Schulbegleiter*in ist es in unserem Regelschulsystem mit der knappen Ausstattung an personellen Ressourcen, dem fehlenden Fachwissen, dem unflexiblen Bayerischen Lehrplan und all den anderen Stolpersteinen vielleicht sogar manchmal besser, sein Kind an einem Förderzentrum zur Schule gehen zu lassen…auch wenn das natürlich nicht dem Gedanken der Inklusion und Chancengleichheit entspricht.“

Peter Puhlmann, Vorstand und Geschäftsführer der Lebenshilfe München, hebt die positive Leistung der Schulbegleitung hervor: „Mit der Schulbegleitung der Lebenshilfe München tragen wir erfolgreich dazu bei, die erforderliche Unterstützung im motorischen, sozialen, emotionalen und kommunikativen Bereich zu gewährleisten und damit Teilhabe im inklusiven Sinne zu ermöglichen. So gelingt es ganz individuell schulische Anforderungen zu bewältigen und sich in den Klassenverband integrieren zu können. Unser Anspruch ist es dabei, eine größtmögliche Selbstständigkeit unserer Kinder und Jugendlichen zu stützen und langfristig zu erreichen.“

Gerd Spranger

Austausch mit der Städtischen Fachakademie für Sozialpädagogik

Florian Mauch von der Lebenshilfe München im Gespräch mit Fachkräften der Akademie für Sozialpädagogik.

Am Montag hatten die Wohngruppen der St.-Quirin-Straße bei der Lebenshilfe München angehende ErzieherInnen, die gerade die Ausbildung an der Städtischen Fachakademie für Sozialpädagogik leisten, und ihrer Dozentin Eva Hermann-Kloss zu Besuch. Es war ein angeregter Austausch, ein ‚meet and greet‘ im besten Sinne. Zunächst wurde die Arbeit der Lebenshilfe München von Einrichtungsleiter Florian Mauch (Wohnen Stadt Süd), Daniela Holzmann (Leitung Ambulant Betreutes Wohnen) und Gruppenleiterin Antje Hiltscher (Wohngruppe 1 St.-Quirin-Straße) kurz vorgestellt, um den jungen Menschen einen Überblick über die unterschiedlichen Facetten der Hilfe für Menschen mit geistiger Behinderung zu gewähren. Die vielen interessierten und wohl durchdachten Fragen der jungen Menschen waren zum einen ein beeindruckender Beweis ihrer Reife und zum anderen eine Antwort auf die Frage, warum ErzieherInnen in der Betreuung von Menschen mit geistigen Behinderungen als Fachkräfte beschäftigt werden.  Weiterlesen