Bürgermeisterin Verena Dietl: „Wir dürfen die Menschen nicht alleine lassen“

Bürgermeisterin Verena Dietl zu Besuch bei der Lebenshilfe München.
Bürgermeisterin Verena Dietl zu Besuch bei der Lebenshilfe München.

Z U R P E R S O N :

Verena Dietl ist für die SPD seit 20 Jahren in der Münchner Kommunalpolitik engagiert und seit 2008 Stadträtin. Die studierte Sozialpädagogin engagiert sich in vielen Ausschüssen des Stadtrates und stellte wichtige Weichen im sozialen Bereich, in der Kinder- und Jugendhilfe-, im Bildungsbereich und im Finanzausschuss. Sie war sportpolitische Sprecherin ihrer Fraktion, 2019 bis 2020 Fraktionsvorsitzende der SPD im Münchner Rathaus und ist seit 2020 Bürgermeisterin der Landeshauptstadt München. Seit einem Jahr ist sie für die Lebenshilfe München im Kuratorium und arbeitet seit vielen Jahren eng mit den Sozialverbänden zusammen. Als Aufsichtsratsvorsitzende der Wohnungsbaugesellschaften GWG und Gewofag ist sie in einer Schlüsselposition für dringend benötigten und bezahlbaren Wohnraum in München.

Redaktion: 20 Jahre Kommunalpolitik. Das macht etwas mit einem, mit Ihnen? Werden die Probleme größer?

Verena Dietl: Die Kommunalpolitik ist sehr nah an den Menschen. Entscheidungen haben unmittelbare Auswirkungen auf die Bürger*innen, das hat mich schon immer fasziniert. In diesen herausfordernden Zeiten ist es mir besonders wichtig, im Kontakt mit den Münchner*innen, der lokalen Wirtschaft sowie diversen sozialen und kulturellen Einrichtungen zu stehen.

Redaktion: München ist nicht nur ein wirtschaftlicher, sondern auch ein gesellschaftlicher Brennpunkt. Haben Sie speziell als Sozialpädagogin eine besondere Sicht/Perspektive darauf?

Verena Dietl: Als Bürgermeisterin und Sozialpädagogin befasse ich mich mit der Prävention, Bewältigung und Lösung sozialer Probleme. In München geht die Schere zwischen Arm und Reich auseinander, trotzdem ist München die Stadt, die auch am meisten für den Sozialbereich tut. Gut zwei Drittel unserer Ausgaben stecken wir in den Sozial- und Bildungsbereich. Wir müssen jene Menschen, denen es schlechter geht, unterstützen, wir dürfen sie nicht alleine lassen. Niemand darf in München verloren gehen.

Redaktion: Die Dinge stehen miteinander in Verbindung, der ÖPNV mit dem Individualverkehr, der wirtschaftliche und soziale Bereich mit dem Arbeitsmarkt, das städtische Wachstum mit hohen Mietpreisen, unter die München ja seit Jahrzehnten leidet, etwa bei Studenten.

Verena Dietl: Eine der wichtigsten Aufgaben in München ist die Versorgung der Bevölkerung mit bezahlbarem Wohnraum. München wird weiter wachsen und somit auch die Nachfrage nach Wohnungen. Mit dem größten kommunalen Wohnungsbauförderprogramm in Deutschland setzen wir uns mit aller Kraft für bezahlbares Wohnen ein.

Die Vorsitzende des Aufsichtsrates der Lebenshilfe München, Andrea Siemen, und Bürgermeisterin Verena Dietl bei der Einweihung des neuen Wandbildes Permanus. Fotos: Gerd Spranger

Redaktion: Sie haben jüngst in einem Interview ausgeführt, dass die Stadtverwaltung und Sie als Bürgermeisterin eine Einsparung im Sozialbereich nicht zulassen werden. Das ist ein weites Feld, es betrifft die Integration von Menschen mit Migrationshintergrund ebenso wie Menschen mit niedrigem Einkommen, Familien und Kinder, Alleinerziehende, alte und schwache Menschen bis hin zu Menschen mit Behinderung.

Verena Dietl: Das ist richtig! Die rasant ansteigende Inflation trifft bedürftige Menschen am härtesten. Wir dürfen sie in dieser Krise nicht vergessen. Alle Münchner*innen sollen die gleichberechtigte Chance haben, die Stadtgesellschaft mitzugestalten. Die Teilhabe aller am gesellschaftlichen Leben und an kommunalpolitischen Entscheidungen muss gewährleistet sein. Im Sozialbereich dürfen und werden wir nicht sparen.

Redaktion: Die Lebenshilfe München hat sich in 60 Jahren von der Initiative einiger Eltern, also vom Elternverein hin zu einem gemeinnützigen Wirtschaftsunternehmen entwickelt. Das wird etwa durch die vor rund zehn Jahren erfolgte Gründung zweiter GmbH’s deutlich. Ebenso bei der seit Jahren angestrebten Erweiterung der Wohneinrichtung in Putzbrunn, ein zweistelliges Millionenprojekt. Man könnte es auch auf den Nenner bringen: Soziale Arbeit braucht Professionalisierung und wirtschaftliche Stärke.

Verena Dietl: Soziale Arbeit fördert die gesellschaftliche und soziale Entwicklung von Menschen und deren Selbstbestimmung. Dabei kann es nicht um Gewinnmaximierung gehen. Vielmehr ist es eine Herausforderung, soziale Arbeit mit ökonomischen Anforderungen in Einklang zu bringen.

Interview: Gerd Spranger