Gelebte Inklusion bei der Lebenshilfe München

Menschen bei der Lebenshilfe München: Bewohner

Ludwig Mang ist seit 35 Jahren bei der Lebenshilfe

Beim Wohnhaus der Lebenshilfe München an der Berliner Straße verrät von außen nur ein kleines Namensschild an der Klingel, dass es sich um eine Einrichtung des Münchner Vereins handelt. In vier Wohnungen leben neun Menschen trotz Behinderung ein eigenständiges Leben, können aber auf die Hilfe von Betreuerin Maria Theresia Hummel und ihrer fünf Kollegen zählen. Einer der Bewohner ist Ludwig Mang, der hier seit 1993 lebt und bis vor einem Jahr auch täglich in der Lebenshilfe-Werkstatt an der Scharnitzstraße gearbeitet hat. Heute, nach 34 Arbeitsjahren in der Werkstatt, ist er in Rente.

Im Gemeinschaftsraum ist Zeit für Gespräche: Maria Theresia Hummel und Ludwig MangFoto: Gerd Spranger

Im Gemeinschaftsraum ist Zeit für Gespräche: Maria Theresia Hummel und Ludwig Mang
Foto: Gerd Spranger

Ein Unfall hinterlässt Spuren

Seine Behinderung geht auf einen Unfall zurück, als er als Zehnjähriger beim Spielen verunglückte, einen heftigen Schlag auf den Hinterkopf erlitt. Ein halbes Jahr später erkrankte er an Epilepsie, konnte aber die Schule und sogar eine kaufmännische Lehre abschließen. Seine Krankheit aber vertiefte sich und es traten psychische Störungen auf, die sich in unkontrollierten Wutausbrüchen äußerten, sodass Ludwig Mang acht Jahre lang in der Psychiatrie Haar verbrachte, ehe er ab 1975 wieder bei seinen Eltern leben konnte. Eine der schicksalhaften Lebensgeschichten, wie sie ähnlich viele der 1600 betreuten Personen bei der Lebenshilfe München erlebt haben.

1977 dann bekommt er einen Platz in der Werkstatt, wo er erneut eine Ausbildung durchläuft und sich freut, nun auch handwerklich, mit den Händen was zu tun. Maria Theresia Hummel erklärt: „Die Werkstatt bietet Förderung der beruflichen und sozialen Rehabilitation mit dem Ziel an, einen geeigneten Arbeitsplatz zu finden. Im Eingangsverfahren trainierte Ludwig Mang seine handwerklichen und sozialen Fähigkeiten und spezialisierte sich im Anschluss auf den Montagebereich innerhalb der Werkstatt.“

In der Werkstatt arbeiten

Für Ludwig waren es gute Jahre, in denen er wieder in ein „normales Leben“ zurück fand. Bis zum Tode seiner Eltern (1993) lebte er bei ihnen und brauchte dann dringend einen betreuten Wohnplatz, den er bei der Lebenshilfe fand. Auf seine Selbständigkeit wollte er dabei nicht verzichten, denn geistig ist er ganz aufgeweckt, erinnert sich sofort an Zahlen, seine persönlichen Daten und Personen, die ihn die letzten 30 Jahre begleitet haben.

Bis heute meistert er seinen Alltag selbständig, steht eigenständig auf, wäscht, kleidet sich und gestaltet seine Freizeit, in der er gerne Fußball schaut oder hört. Gerne nimmt er die gemeinschaftlichen Aktivitäten wie  Kinobesuche, Kegeln und Ausflüge an. Ergänzend sorgen Angebote der offenen Behindertenarbeit der Lebenshilfe München für Abwechslung.

Den "Opasessel" hat Ludwig Mang beim Einzug mitgebracht.

Den „Opasessel“ hat Ludwig Mang beim Einzug mitgebracht.

Ein geregelter Tagesablauf

Einen festen Bereich in der Tagesgestaltung nehmen natürlich die Mahlzeiten ein. Sein Frühstück bereitet er, wie alle andern Bewohner, selbst zu. Am Wochenende wird gemeinsam ausgiebig gebruncht und  ‘groß aufgekocht’. „Bei Kaffee und selbst gebackenem Kuchen sitzt man dann noch gemütlich zusammen“, erzählt Heilerziehungspflegerin Hummel. „Das fördert die Gemeinschaft und bewahrt vor Isolation.“ Unter der Woche versorgen sich die Bewohner der Einrichtung weitgehend selbst, haben aber auch hier die Möglichkeit zu einem gemeinsamen Abendessen.

Für den eigenen Bedarf stehen Ludwig Mang monatlich etwa 150 Euro plus 28,50 Euro Kleidergeld zur Verfügung. Ein kleines Budget, das seiner eigenen Verantwortung untersteht. Mit Hilfe der Mitarbeiter hat er gelernt damit richtig umzugehen, Verantwortung zu übernehmen. Allein gelassen ist Ludwig nie. An 365 Tagen im Jahr ist täglich ein Betreuer anwesend, unter der Woche fünf, am Wochenende elf Stunden. Immer aber steht eine Rufbereitschaft zur Verfügung.

Hilfe zur Selbsthilfe geben

Einrichtungsleiterin Karin Gebauer-Detsch setzt auf die Eigenkräfte ihrer Schützlinge. „Es ist unser Kernanliegen, Hilfe zur Selbsthilfe zu geben, die Eigenständigkeit zu fördern, Möglichkeiten für eigene Erfahrungen offen zu halten, auch wenn es nicht immer gute sind. Gemeinsam besprechen wir das dann, helfen diese zu verarbeiten. So haben wir schon sehr früh gelebt, was heute als Inklusion in aller Munde ist, nämlich die selbstverständliche Einbindung von behinderten Menschen in den gesellschaftlichen Alltag. “

Dabei war es früher, vor 25 Jahren, als Maria Theresia Hummel bei der Lebenshilfe München anfing, um einiges leichter gewesen. „Es stand einfach die Arbeit mit den Menschen im Vordergrund. Heute sind täglich bis zu zwei Stunden Verwaltungs- und Dokumentationsarbeit zu leisten, ohne dass die Betroffenen davon mehr Nutzen haben.“

Lebenshilfe im Wandel

Auch das Klientel hat sich bei der Lebenshilfe München gewandelt. Die Schützlinge werden immer älter, immer mehr von ihnen erreichen das Rentenalter. Damit fehlen häufig die eigenen Eltern als wichtigste Bezugspersonen, es erwachsen ganz neue Aufgaben. Im Alter macht sich eine schleichende Demenz bemerkbar, das eigene Leistungsvermögen schwindet und der Betreuungs- und Pflegebedarf steigt.

Bei Ludwig Mang ist davon zum Glück nichts zu bemerken. Er fühlt sich in der Berliner Straße geborgen und zuhause, übernimmt gerne auch kleinere Dienste wie das Einkaufen. Manchmal wäre er am liebsten wieder in der Lebenshilfe-Werkstatt an der Scharnitzstraße. Damit teilt er das Los vieler Rentner. Ein Stück gewohnter Lebensaufgabe fehlt auf einmal.

„Die Lebenshilfe München wird sich vermehrt dieser Aufgabe stellen müssen“, erklärt Peter Puhlmann, Geschäftsführer der Lebenshilfe München. „Es ist nicht nur die Ausprägung einer Behinderung relevant, sondern auch der Lebensabschnitt in dem sich ein Mensch befindet. Neben dem Zuhause, in der Form eines Wohnheimes, müssen auch ambulant unterstützte Wohnformen in den Vordergrund treten. Um dies zu ermöglichen, gilt es Übergangsformen zu etablieren, um Inklusion nicht nur zu machen sondern zum Normalen werden zu lassen.“

Wer sich für die Arbeit der Lebenshilfe interessiert oder sie fördern möchte,
erfährt mehr unter: www.lebenshilfe-muenchen.de

Fotos:

Ludwig Mang freut sich heute über sein Renterdasein und fühlt sich bei der Lebenshilfe München zuhause. Seit fast 20 Jahren lebt er in der Berliner Straße. Zu Heilerziehungspflegerin Maria Theresia Hummel hat er eine gute Beziehung. Sie ist seit 25 Jahren bei der Lebenshilfe München.

Foto: Lebenshilfe/gsp

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